Offene E-mail an Martin Graf: 8. Mai 2002 - Heldenplatz III
8. Mai 2002

 

From: "Bernhard Kraut"
Sent: Friday, May 03, 2002 2:46 AM
Subject: Offene E-mail an Martin Graf: 8. Mai 2002 - Heldenplatz III

Sehr geehrter Herr Nationalratsabgeordneter der Freiheitlichen Partei,

ich nehme bezug auf Ihr heute von der "ZIB II" gesendetes Interview, in dem Sie sich gegen die Verunglimpfung von Organisationen als insgesamt rechtsextreme Einrichtungen aufgrund des Herausgreifens von Einzelfällen aussprechen.

Die Fragen, die Ihnen in der knapp bemesssenen Zeit einer Nachrichtensendung nicht gestellt werden konnten, möchte ich Ihnen stellen:

 

  • Kann eine gesamte Organisationen als Einzefall bewertet werden, wenn keine physische Person als "Einzelfall" namhaft gemacht werden kann?

  • Trägt eine Organisation Verantwortung dafür, wenn Entscheidungsträger eben dieser Organisation etwa rechtsextremistische Positionen vertreten? Erklärt eine solche Organisation ihr stillschweigendes Einverständnis mit diesen Positionen dadurch, daß eben diese Entscheidungsträger weiterhin ihre maßgeblichen Funktionen in dieser Organisation ausüben können?

  • Ist eine Organisation dafür rechtlich verantwortlich zu machen, daß sie Referenten einlädt, deren Positionen ihr bekannt sein müßten? Wie sind Veranstaltungen einer solchen Organisation juristisch zu werten, und welche rechtlichen Konsequenzen haben daraus zu folgen?

Um es aber nicht praxisfern abzuhandeln, möchte ich Sie ersuchen, die oben angeführten Fragen anhand des folgenden aktuellen Beispiels durchzuspielen:

Von Ihrer Homepage www.martin-graf.at ließ ich mich zum Ring der Freiheitlichen Studenten - www.rfs.at - führen, der als Veranstalter zu einer Podiumsdiskussion am 8. Mai 2002 in das Palais Palffy einlädt: "Selbstachtung statt Selbsthass - Neuer Umgang mit der Zeitgeschichte". Im weiteren werde ich mir erlauben, diesen sehr langen Titel mit einem Fremdwort abzukürzen, um diese offene E-mail nicht unnötig in die Länge zu ziehen, und zwar mit: "Revisionismus".

An der Podiumsdiskussion "Revisionismus" werden gemäß Programmankündigung teilnehmen: Dr. Claus Nordbruch, Dr. Josef Feldner, Mag. Ewald Stadler. Direkt von der Programmankündigung aus kann auf die Homepage des Wiener Korporations-Ringes - www.wkr.at - zugegriffen werden, auf der wiederum die Podiumsdiskussion "Revisionismus" angekündigt ist. Von hier aus kann durch bequemes Anklicken der Namen auf weitere Sites zugegriffen werden.

Auf www.nordbruch.trippod.com läßt Dr. Claus Nordbruch seinen Artikel "Den Krieg auch geistig beenden: Deutsche - besiegt auf ewig?" aus "Nation und Europa", Ausgabe 5/2001, nachlesen. Auszüge davon:
"Der Krieg ist zu Ende", hieß es auf dem sowjetischen Flugblatt "An die deutsche Bevölkerung!", das im Sommer 1945 auf Deutschlands Mauern, sofern sie noch standen, geklebt wurde. Im Grunde, wie andere Behauptungen der Alliierten auch, eine Augenwischerei, denn tatsächlich ging der Krieg gegen Deutschland nach Eintritt des Waffenstillstandes am 8. Mai 1945, wenn auch mit anderen Mitteln, unvermindert weiter bis heute. Von den drei nachkriegsdeutschen Teilstaaten Österreich, BRD und DDR haben die beiden erstgenannten die größten finanziellen Bürden getragen - und tragen sie heute noch. Der Grund hierfür liegt nicht zuletzt in dem systematisch aufgebauten Schuldgefühl, das sich bis in die gesellschaftlichen Tiefenschichten erstreckt. Unter solchen Umständen bleibt der wirkliche Schlußstrich unter den Zweiten Weltkrieg in weiter Ferne. "Die Schuldenskala", so der ehemalige österreichische Nationalrat Dr. Otto Scrinzi, "bleibt nach oben offen und ermöglicht - bei gleichzeitig erpreßtem Verzicht auf Gegenrechnung - Reparationsforderungen ohne Ende." Angesichts der Tatsache, daß beispielsweise der Völkermord vor allem an Volks-, Sudeten- und Ostdeutschen, die völkerrechtswidrige Bombardierung der deutschen Zivilbevölkerung, die Verschleppung von Hunderttausenden Menschen zu Zwangsarbeit und die Tötung von über 2,5 Millionen Kriegsgefangenen in französischen, amerikanischen und sowjetischen Konzentrationslagern in den Medien weitgehend totgeschwiegen werden und in den Bildungseinrichtungen nicht auf dem Lehrplan stehen, ist die Behauptung, daß die deutsche Jugend über die jüngste Vergangenheit ausreichend unterrichtet sei und deshalb kein weiterer Informationsbedarf bestünde, eine geradezu absurde Fehleinschätzung. Wir finden dieses freiheitliche Beharrungsvermögen überall auf der Welt. Noch wird Palästinensern, Basken, Tibetanern, Flamen, Iren, Kurden, Buren und vielen anderen Völkern das Recht auf einen eigenen Staat abgesprochen. Das letzte Wort der Geschichte ist es nicht. Die betroffenen Völker müssen allerdings um ihre Rechte kämpfen. Auch den Deutschen bleibt nichts anderes übrig, wenn sie wollen, daß der Zweite Weltkrieg politisch und rechtlich zu einem vernünftigen Ende gebracht wird. Der jetzige Zustand ist unerträglich.

Würden Sie, sehr geehrter Herr Graf, darin übereinstimmen, daß Dr. Claus Nordbruch u.a. einem neuerlichen Anschluß Österreichs an Deutschland das Wort redet, und wenn ja, wie würden Sie die Rolle des Veranstalters Ring Freiheitlicher Studenten und die Rolle des Wiener Korporations-Ringes bewerten, der im Anschluß an die Podiumsdiskussion "Revisionismus" ein "Gefallenengedenken" am Heldenplatz veranstaltet, aus juristischer Sicht bewerten?

Können Menschen, die der nationalsozialistischen Massenvernichtung zum Opfer gefallen sind, mit Kriegsgefallenen gleichgesetzt werden, wie es der Bundesvorsitzende des Ringes Freiheitlicher Studenten Arnulf Helperstorfer in dem ebenfalls auf der Homepage der Freiheitlichen Studenten nachzulesenden Interview zum aktuellen Anlaß 8. Mai 2002 macht? Der entsprechende Auszug:

wwplus: Sind mit den "Toten des Zweiten Weltkriegs" die Opfer des NS-Regimes genauso gemeint wie Soldaten und andere Zivilisten? H: Genau. Für uns zählt jedes Opfer gleich. Es tut uns um jeden Toten, der in diesem brutalsten und sinnlosen Krieg leiden und sterben musste, leid.

Ist Ihnen zufällig bekannt, ob für Arnulf Helperstorfer Opfer der nationalsozialistischen Konzentrations- und Vernichtungslager ebenfalls "Helden" sind, da auf dem Flugblatt der Wiener akad. Burschenschaft Olympia, der derzeitigen Vorsitzenden des Wiener Korporations-Ringes, von einer "WKR-Heldenehrung" gesprochen wird?

Mit freundlichen Grüßen,
Bernhard Kraut

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